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Dienstag, 15. Dezember 2015

August von Kotzebue: Die deutschen Kleinstädter (4)


Vierter Akt


Die Straße vor dem Hause des Bürgermeisters. Dem gegenüber das Haus seines Bruders, von mehrern Stockwerken; in der Dachstube Sperlings Wohnung. Vor diesem letztern Hause steht ein Laternenpfahl mit einer Laterne, die aber nicht brennt. Es ist Nacht, doch sieht man noch Licht in beiden Häusern.[1]

Erste Szene

Olmers monologisiert über seinen ersten Tag in Krähwinkel und bedauert, dass er zwar allen Klatsch und Tratsch der Stadt gehört, aber keine Minute allein mit seiner Geliebten verbracht habe. Umso mehr hofft er auf das mit Hilfe von Sperling eingefädelte Rendezvous mit Sabine.



Zweite Szene

Sabine und Olmers.

Olmers bedrängt Sabine in einem kurzen Geplänkel, mit ihm auf die Stube zu kommen. Sabine jedoch weiß sich in guter Obhut ihrer eigenen Sittsamkeit und durch die Nähe der dörflichen Gemeinschaft. Zum ersten Mal hat sie Gelegenheit, ihren Geliebten mit all den Vorurteilen aus Dorf und Verwandtschaft zu konfrontieren, die ihr natürlich nicht verborgen geblieben sind. Vor allem das Fehlen eines Titels sei momentan noch das Haupthindernis einer Verbindung zwischen beiden ("Herr, ohne Titel bekommen Sie mich nicht.")

Die traute Zweisamkeit der beiden wird zunächst durch Sperling gestört, der sich herbeilässt, ein Liebessonett auf Sabine aus seinem Kammerfenster auf die Gasse zu singen, wo soeben der Nachtwächter passiert, ohne darauf Rücksicht zu nehmen.



Vierte Szene

Der Nachtwächter. Die Vorigen.

Lustige Auseinandersetzung zwischen dem verliebten Sperling und dem auf stur gebürsteten Nachtwächter.

Fünfte Szene

Frau Staar am Fenster. Vorige.

Alle reden durcheinander, Frau Staar beschwert sich über den Lärm auf der Gasse, Sperling über den Störenfried und der Nachtwächter zieht sich grummelnd zurück.

 


Sechste Szene

Herr Staar am Fenster. Vorige.

Sperling, Frau und Herr Staar äußern sich wechselweise abfällig über Sabine und Olmers, was diese in ihrem Versteck hören können und sich deswegen gegenseitig zu necken anfangen, weil sie dies eher als Auszeichnung denn als Herabwürdigung empfinden. Olmers wird wahlweise als      "Avanturier aus der Residenz", "Landstreicher", "fremde Unverschämtheit"   mit " philosophischen Floskeln"  verunglimpft, was seine Geliebte stets mit dem Hinweis quittiert, dass er auch tatsächlich gemeint sei. Andererseits bezeichnen ihre eigenen Verwandten Sabine als "Jungfer Naseweis", die mit ihrer "Sittsamkeit" prahle und sich viel auf ihr "Lärvchen" einbilde, was Olmers jedes Mal zu einem neckischen "Das sind Sie" verleitet.



Siebente Szene

Olmers und Sabine.

Hier treffen erneut die strenge Sittsamkeit des Mädchens und der etwas losere Charakter des Residenzbewohners aufeinander. Olmers will Sabine zu einem Spaziergang überreden, was diese ablehnt ("…so meint der Herr nun gleich, er dürfe mit mir lustwandeln in die weite Welt.") und ihm gleich einen resoluten Vorgeschmack auf die zu erwartende Ehe verschafft ("Morgen rücken Sie nur fein früh mit dem Titel heraus und befolgen meine übrigen Vorschriften pünktlich.").



Achte Szene

Klaus, der Ratsdiener, mit einer Blendlaterne. Vorige.

Das Paar muss sich erneut verstecken; diesmal vor dem blinden Ratsdiener Klaus, der dem Bürgermeister die schlimme Nachricht überbringt, die bewusste Delinquentin, wie erwähnt ebenfalls als eine Hauptperson für den kommenden Tag ausersehen, sei in der Nacht geflohen. Bürgermeister wie Ratsdiener sind völlig entsetzt darüber, Herr Staar wegen der Reputation seiner Gemeinde ("schon winkt der Pranger zu Ehr' und Ruhm des Hochweisen Stadtrates "), der Diener  wegen der Verpflegung, die die Magd aus seiner Vorratskammer hat mitgehen lassen ("Undankbares Mensch! Neun Jahr ist sie gefüttert worden."). Nur Eines ist klar, dass nämlich "die Sache verschwiegen traktiert werden (muss)."



Neunte Szene

Bürgermeister im brokatnen Schlafrock. Vorige.

Diese Szene steht ganz im Zeichen der mündlichen Erzählung des Verlaufs der vergangenen Nacht im Hause des Gemeindedieners Klaus, das als Behelfsgefängnis gedient hat, und der Flucht der so lange eingekerkerten Magd. Der Diener verdankt die ganze Sache dem unruhigen Schlaf seiner Frau, die durch die Fluchtgeräusche der Magd geweckt worden war. Als Klaus nachschaute, war die Magd mitsamt einiger Lebensmittel aus der Speisekammer verschwunden. Der Bürgermeister ist darob so erzürnt, dass er die Magd auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen will; selbstredend in strenger Gesetztestreue und ohne finanziellen Aufwand ("Eine Hexe! sie muss verbrannt werden! ich mache einen Bericht an die Kammer – der Oberförster muss herrschaftliches Holz zum Scheiterhaufen liefern."). Die Entflohene hat zur eigenen Belustigung einen Zettel hinterlassen, auf dem sie "dem Herrn Vizekirchenvorsteher" für ihre Befreiung" dankt. Dieser nämlich habe sie uneigennützig im Gefängnis mit einschlägiger Literatur, u.a. mit "Trencks Leben und Flucht aus dem Gefängnisse", versorgt. Der ganze Frust über das entgangene Pranger-Event entlädt sich damit über dem Bruder des Bürgermeisters. " Gott sei Dank, so halten wir uns an den", wie sich Klaus, der Diener, auszudrücken pflegt.



Zehnte Szene

Herr Staar im Nachthabit. Vorige.

Diese komplette Szene steht im Zeichen der Vorwürfe, die der Bürgermeister seinem Bruder macht. Wegen des Aufruhrs auf der Gasse wird auch Sperling herbeigelockt und gesellt sich zu den Anwesenden.



Eilfte Szene


Sperling im Nachthabit. Vorige.

Allerdings glaubt Sperling, seine Angebetete Sabine gelte als vermisst, und hat auch gleich einen als Entführer Verdächtigten, nämlich Olmers parat. Es dauert eine Weile, bis der wahre Sachverhalt bei ihm angekommen ist. Signifikant wird dabei die Vordergründigkeit der Beziehungen der Kleinstädter zueinander. Auch Familienbande spielen dabei keine Rolle. Klaus, der Nachtwächter, ist ohnehin nur an seinen "Schinken und Würsten" interessiert; der Bürgermeister verdächtigt seinen Bruder der Beilhilfe zur Flucht ("Der Herr Bruder hat ihr durchgeholfen."); und Sperling sieht so gut wie alle seine Felle davonschwimmen: die Verlobung, seinen Auftritt als Stadtpoet, das Pranger-Event. Außerdem sorgt man sich gemeinsam um den guten Ruf der Stadt im Hinblick auf den Spott der Nachbargemeinde ("Die Rummelsburger lachen sich todt.") und hat große Angst vor der gewiss ungnädigen Reaktion aus der Residenzstadt ("…was wird man in der Residenz dazu sagen? - Der Minister wird außer sich sein - Der König in Zorn gerathen."). Gnadenlos machen sich auch die beiden Staar-Brüder gegenseitig nieder ("Der Herr Bruder wird abgesetzt." – "Und der Herr Bruder kömmt ins Zuchthaus."), weil sie sich die Schuld am Organisationsversagen wechselseitig in die Schuhe schieben möchten.

In der Hitze der Wortgefechte entdeckt Klaus, der Nachtwächter, per Zufall Sabine und Olmers im Halbdunkel einer Laterne. Olmers, der den gesamten Streit um die entflohene Magd mitgehört hat, packt die Gelegenheit beim Schopfe, gesteht den Anwesenden seine Liebe zu Sabine und verleiht der Sache dadurch Nachdruck, dass er sich auf der Basis seiner Beziehungen zur Residenzstadt als Vermittler und Fürsprecher anbietet.



Zwölfte Szene


Frau Staar im Nachthabit. Vorige

Frau Staar ist zunächst pflichtgemäß entsetzt über das nächtliche Treiben ihrer Enkelin, lässt sich aber von der Aussicht auf einen guten Ausgang und vor allem vom Titel des Herrn Olmers ("Geheimer Commissionsrath ") zur Abkehr von ihrer Meinung bewegen.

Das Schlusswort bleibt Sperling vorbehalten, der am Ende die Bühnenillusion durchbricht und sich verzweifelt an das Publikum wendet: " Ist denn Keiner, der sich herauf bemühen möchte, mein Triolett zu hören?"




[1] Die Häuser müssen herauswärts, gleich an die erste oder zweite Kulisse gebaut sein, so dass die Bühne dadurch etwas verengt wird und die aus den Fenstern Schauenden von dem Zuschauer en face gesehen werden. Der Laternenpfahl kann sodann etwas mehr zurückstehn

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August von Kotzebue: Die deutschen Kleinstädter (3)




Dritter Akt

Erste Szene
Im Monolog ereifert sich Frau Staar über die angeblich mangelnden Sitten des Herrn Olmers, der bei Tisch nur Augen für gleichaltrige Damen gehabt und gestandene ältere wie sie und Ihre Muhmen ignoriert habe .

Zweite Szene
Frau Staar. Frau Brendel, Frau Morgenrot (beide nach ihrer Art geputzt).
Auch im Dialog mit ihren Muhmen ist das Verhalten von Olmers bei Tisch der einzige Gesprächsgegenstand – natürlich begleitet von abfälligen Bemerkungen der Damen.

Dritte Szene
Herr Staar. Die Vorigen.
Das Thema ändert sich auch nicht, als schließlich Herr Staar hinzustößt. Er fragt sich schließlich, "wie der Herr Minister solche Leute empfehlen kann."

Vierte Szene
Sperling. Vorige.
Natürlich nutzt Sperling die gerade vorherrschende Stimmung, um gegen seinen Nebenbuhler Stimmung zu machen. Dieser habe nach Sperlings Auffassung, "keine Konduite" und werde "bei dem morgenden großen Feste (…)zum Kinderspott." Frau Brendel fügt ihre eigenen Beobachtungen beim Festmahl hinzu: "Da zwinkert' er immer mit der Jungfer Muhme, die ihm gegenübersaß." Herr Staar schließlich dankt "dem Himmel, dass in unserer guten Stadt Krähwinkel die liebe Jugend feiner erzogen wird". Obwohl Olmers in seiner Verliebtheit sich nur benommen hat, wie sich junge Leute nun mal benehmen, hat er nach Meinung der anwesenden "keine Sitten, keine Moral, keine Lebensart" und vor allem "keinen Titel."

Fünfte Szene
Sabine. Vorige.
Auch in Anwesenheit Sabines lassen die Bürger der Stadt kein gutes Haar an Olmers. Diese jedoch weiß sich zur Wehr zu setzen und stellt in einer flammenden Erwiderung der betulichen, im Grunde aber auch verlogenen Ehrpusseligkeit ihrer Verwandten und Nachbarn, die vom Selbstbewusstsein gestützte neue Bürgerlichkeit, wie sie in der Residenz gepflegt werde, gegenüber; selbst als Frau Staar theatralisch klagt: "Ach du mein Gott! ist denn die Residenz zu einer Dorfschenke geworden?"

Sechste Szene
Der Bürgermeister. Olmers. Vorige.
Auch wenn der Bürgermeister wegen der politischen Beziehungen von Olmers zum Minister es vorzieht, diesen schonend zu behandeln, lassen die übrigen Anwesenden Olmers spüren, dass sie wegen dessen angeblicher Verstöße gegen die "Konduite" indigniert sind, so dass Sabine sich genötigt sieht, ihn zu drängen, sich ihrer Familie zu offenbaren. "Sie sind auf dem besten Wege, es mit der ganzen Familie zu verderben. Reden Sie mit meinem Vater, ehe es zu spät wird."

Siebente Szene
Olmers und der Bürgermeister.
Nachdem Olmers mit dem Bürgermeister alleine ist, bricht er auch ohne Umschweife ein belangloses Gespräch über einen Hammel ab und kommt ohne Umschweife zur Sache: "Ich liebe Ihre Mademoisell Tochter (…) Ich wünschte sie zu heiraten." Er stellt auch seine eigene Beförderung in Aussicht und drängt den künftigen Schwiegervater zu einer raschen Entscheidung. Dieser jedoch ("Ich bin Paterfamilias") beabsichtigt zunächst "die sämtlichen Vettern und Muhmen zusammenzuberufen und selbigen Dero Anliegen in geziemenden Terminis vorzutragen."

Achte Szene

In einem von Opportunismus getränkten Monolog wägt der Bürgermeister die Vor- und Nachteile einer Vermählung seiner Tochter mit Olmers ab, wobei er schließlich zu dem Ergebnis kommt, dass er einerseits die Entscheidung nicht alleine fällen könne, sondern die Unterstützung durch den Familienrat benötige, und andererseits die Hilfe durch Olmers in der Residenz noch von Vorteil sein könne. "Aber ich wollte denn doch, dass er das morgende Fest Sr. Exzellenz getreulich referierte; drum muss ich ihn schonen." Mit dem Fest am nächsten Tag ist in diesem Zusammenhang die Anprangerung der diebischen Magd gemeint.

Neunte Szene
Bürgermeister. Frau Staar. Herr Staar. Frau Brendel. Frau Morgenrot.

Der Familienrat sitzt zusammen und berät, ob man in eine Vermählung zwischen Sabine und Olmers einstimmen könne. Nicht im Traum denkt man dabei daran, die beiden Betroffenen zu befragen, sondern zieht zunächst einmal über deren Köpfe hinweg alle Argumente heran, die dagegen sprechen: " Ein Fremder ist eine Raubbiene in unserm netten Bienenkorbe, (…) weiß nichts von unsern alten ehrwürdigen Gebräuchen, (…) macht sich lustig über unsere ehrbaren Sitten, (…) vergiftet die liebe Jugend, die ohnehin täglich schlimmer wird". Bleibt allerdings noch das Problem, wie man dem draußen wartenden Olmers die Entscheidung möglichst schonend beibringt, bei dessen guten Beziehungen zum Minister…. Schließlich möchte man ihn abfinden: " wenn man ihm eine andre Frau proponierte? (…) oder bei der nächsten Kindtaufe, welche in der Familie vorfällt, könnte man ihn zu Gevatter bitten." Am Ende gar soll sich die Witwe Brendel "opfern" und ihn zum Gatten nehmen. Diese, sich hinter dem Fächer versteckend, nimmt es mit einem errötenden "Ach lassen Sie doch den lieben Gott walten." entgegen.   


Szene aus einer Aufführung am Teuringer Provinzthater
  

Zehnte Szene

Olmers. Vorige.
Olmers, der die ganze Zeit vor der Tür gewartet hat, drängt den Bürgermeister zu einer Entscheidung. Dieser jedoch, Opportunist, der er nun mal ist, schiebt diese lieber den anwesenden Damen zu, getreu seiner eigenen Maßgabe: "Heiraten und Nähnadeln müssen die Frauenzimmer einfädeln."  Die seltsamste Rolle spielt hierbei die Witwe Brendel, die einer Verbindung mit Olmers zwar nicht gänzlich abgeneigt ist, sie aber aus Schicklichkeitsgründen dennoch ablehnen muss.

Eilfte Szene

Völlig verwirrt führt Olmers in einem Monolog die seltsamen Auskünfte, die er bekommen hat, auf die kulturellen Unterschiede zwischen Kleinstadt und Residenz zurück.


Zwölfte Szene
Sabine und Olmers.
Zwischendurch versichern sich Olmers und Sabine hin und wieder mal heimlich ihrer gegenseitigen Zuneigung, auch wenn, wie in dieser Szene, der etwas tapsige Sperling allgegenwärtig ist.

Dreizehnte Szene
Sperling. Vorige.
Der Witz dieser Szene liegt darin, dass Sabine und Olmers den Nebenbuhler Sperling dazu bringen, sich eine Gelegenheit für ein Rendezvous für sie beide auszudenken. Sie nutzen Sperlings literarisches Interesse, gaukeln ihm vor, Olmers schreibe an einem Roman, in dem eine junge Dame in allen Ehren ein  Stelldichein mit einem Galan plane, und bitten ihn um seinen dramaturgischen Rat. Prompt entwirft Sperling ein Szenario, ohne zu merken, dass es sich gegen ihn selbst richtet.

Vierzehnte Szene

Sperling hegt in einem Monolog tatsächlich leise Zweifel, ob nicht vielleicht doch er selbst mit dem Nebenbuhler in Olmers' Roman gemeint sein könnte. Diese Gedenken verdrängt er jedoch gleich wieder – übrigens in Reimform -, weil er zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen gedenkt: Er arbeitet an der Entstehung eines Romans mit, kann aber mit seinem Einfluss dem Autor Olmers auch gleichzeitig schaden und sich bei Sabine einschmeicheln.

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August von Kotzebue: Die deutschen Kleinstädter (2)




Zweiter Akt

Erste Szene
Die drei Frauen stehen noch immer an der Tür und komplimentieren. Sabine seitwärts.
Die Frauen reden überwiegend in gestelzten Fremdwörtern. Sie bitten, zu "exküsieren" (um Entschuldigung), sie möchten "deprezieren" (Abbitte leisten), alles im Gerangel um die rechte Reihenfolge bei der Begrüßung des hohen Herrn.
Zweite Szene
Olmers. Der Bürgermeister. Herr Staar. Sperling. Die Vorigen.
In dieser Szene tritt Herr Olmers, Sabines heimlicher Schatz, zum ersten Mal in persona auf. Er weiß gar nicht recht, wie ihm geschieht, als die Stadt Krähwinkel ihre ganze Lobhudelei vor ihm ausbreitet; er wehrt auch mehrmals ab ("Nicht doch, Herr Bürgermeister, ich bin schon zufrieden, wenn auch nur eine einzige Person (mit einem Blick auf Sabinen) sich über meine Ankunft freut." (…)  " Madam, ich würde untröstlich sein, wenn Sie durch mich in Ihrer alten Ordnung sich stören ließen."), doch die Anwesenden lassen sich in ihrem Untertanen-Furor keineswegs aus der Ruhe bringen. Sogar Zwangsmittel schließt der Bürgermeister nicht aus ("Bewahre der Himmel! ich wollt' es keinem gehorsamen Bürger raten, sich nicht untertänigst zu freuen. Dafür haben wir Mittel.") Dass mit den Mühlen der kleinstädtischen Justiz nicht zu spaßen ist, hat die arme Magd bereits bitter erfahren müssen, die wegen eines Bagatellvergehens nicht nur bereits neun Jahre Festungshaft hinter sich hat, sondern am folgenden Tag auch noch an den Pranger gestellt werden soll.
Derweil geht die Begrüßung weiter; läppisch-täppisch seitens der Bürger, gespickt mit heimlichen Versicherungen der gegenseitigen Zuneigung bei Olmers und Sabine, aber auch mit versteckten Vorwürfen von Seiten Sabines wegen der verspäteten Ankunft und ebenso verschlüsselten Komplimenten wie Rechtfertigungsversuchen bei Olmers.
Der Bürgermeister ergeht sich in Lobpreisungen auf die " ganz feine Stadt", wobei ihm gewisse Peinlichkeiten unterlaufen. So besitze man " eine anmutige Promenade bis zum Galgen", "auch  Niederlagen[1] von ost- und westindischen Gewürzen, samt einer Lesebibliothek." Der Leser fühlt sich hier erinnert an jene Stelle in der "Harzreise" von Heinrich Heine, als der Autor seiner ehemaligen Universitätsstadt Göttingen ein eher zweifelhaftes Denkmal gesetzt hat.
Seinen eigenen Bildungsstand offenbart der Bürgermeister unfreiwillig, als er den gotischen Stil des Rathauses auf die Tatsache zurückführt, dass es " ein Baumeister aus Gotha (…)" es "vor 300 Jahren erbaut" habe.
Auch Sperling, der von der Familie für Sabine ausersehene Verlobte Sabines, ereifert sich, als er Olmers im kulturellen Auftrag der Stadt "die Ode" vorlesen möchte "die an die Braunschweiger Mumme?" Herr Staar darauf: "Jetzt nicht. Ich zeig ihm erst meine Nürnberger Kupferstiche."

Dritte Szene
Frau Staar. Frau Brendel. Frau Morgenrot.
Ein durchgängiges dramaturgisches Mittel in Kotzebues Komödie, einerseits komisch, andererseits Spannung erzeugend, ist die Art und Weise, in der die Beteiligten über die Personen herfallen, die gerade die Szene verlassen haben. Während die drei Muhmen in der Vorgänger-Szene gar nicht fertig wurden mit den Lobpreisungen über Herrn Olmers, machen sie ihn hier aus den nichtigsten Anlässen gnadenlos nieder, weil er ihnen nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet habe: "Mich hat er kaum angesehn." (Brendel). "Mit mir hat er kein Wort gesprochen." (Morgenrot)." Mein Sohn hat ihm deutlich genug gesagt: Frau Untersteuereinnehmerin; und dennoch hat er mich recht unverschämterweise zur Madam gemacht." (Staar).
Ein weiteres bewährtes Mittel der Dramaturgie des 19. Jahrhunderts ist die Verwechslung.
Frau Staar identifiziert Herrn Olmers als die Person auf dem Amulett, das sie an Sabines Garderobe entdeckt hat. Um sich vor ihrer Großmutter nicht bloßzustellen, gab Sabine damals vor, bei dem Mann handele es sich um den König, den sie aus lauter Verehrung seit ihrem Aufenthalt in der Residenzstadt als Bild um den Hals trage. Natürlich ist Frau Staar jetzt überzeugt, der König statte ihrer Stadt einen Inkognito-Besuch ab. Folgerichtig sind alle drei Damen einer theatralischen Ohnmacht nahe.

Vierte Szene
Frau Staar
Monolog der Frau Staar, der der Schreck, dass der König angeblich in ihrem Hause übernachtet, immer noch in den Gliedern steckt. Sie "will reden", das große Geheimnis in der ganzen Gemeinde bekannt machen und natürlich ihren Repräsentationspflichten nachkommen.

Fünfte Szene

Bürgermeister. Herr Staar. Sperling. Frau Staar.
Der seelische Zustand von Frau Staar setzt sich auch in dieser Szene fort, diesmal in Anwesenheit der anderen Personen. Sie enthüllt das von ihr entdeckte angebliche Geheimnis und stürzt damit auch ihre Umgebung von einer Verlegenheit in die andere. Als "Beweis" führt sie an, dass sie auf dem Portrait, das sie von Sabine hat, den König erkannt habe; schließlich ähnele dieser seinem Großvater, den sie, die Großmutter, vor vierzig Jahren mit eigenen  Augen gesehen habe.
Sogleich richtet sich die Aufmerksamkeit der anwesenden Männer auf den prunkvollen Empfang, der auszurichten sei. Es müsse z.B. "die Bürgerwache mit der alten Trommel aufziehn", " die Schützenkompanie mit der Fahne", " der Magistrat mit den Waisenkindern". " So muss mit allen Glocken geläutet werden, dass die Bürger zusammenlaufen", " eine Ehrenwache muss gleich vor das Haus."

Sechste Szene

Olmers. Vorige.

Gesteigert wird die Verwirrung der Beteiligten nur noch durch ihre unmittelbare Begegnung mit dem angeblichen König, als nämlich Olmers auf der Szene erscheint. Wie sollte der auch unbeeindruckt bleiben, wenn er von Frau Staar mit "Gesalbter des Herrn" angesprochen wird?  

 

Siebente Szene

Die Magd. Vorige.

Als die Bewohner der Stadt immer weitermachen mit den Ergebenheitsadressen und auf einem pompösen Empfang durch "Deputierte von der Schützengilde" beharren, rechtfertigt sich Olmers mit dem Hinweis "Ich bin ja ebenso wenig eine Majestät als Ihr Nachtwächter." Doch der Bürgermeister verweist auf das bewusste Porträt, das zu allem Unglück natürlich von Olmers tatsächlich als sein eigenes anerkannt werden muss. Sein einziges Ziel bleibt nach wie vor, das Herz der geliebten Sabine zu erobern ("König bin ich wahrlich nicht! zu herrschen begehr ich nirgends, als nur in einem Herzen. Erlang ich aber diesen Wunsch, so beneid ich auch keinen König.")

 

Achte Szene

Frau Staar. Der Bürgermeister. Herr Staar. Sperling. Sabine.

Hier fühlt sich Sabine genötigt, wenigstens mit einem Teil der Wahrheit herauszurücken, ohne jedoch das enorme Missverständnis restlos aufklären zu können bzw. zu wollen. Sie gibt zu, das Amulett, das sie bei ihrem Besuch in der Residenz im hohen Gras gefunden habe, der Großmutter ausgehändigt und erst aus der Zeitung vom gleichen Tag erfahren zu haben, dass es den König abbildet. Leider kann Frau Staar diese Angaben nicht nachprüfen, weil, wie hier nachzulesen, die anwesenden Schulkinder ausgerechnet diese Stelle in der Zeitung mit ihrem Butterbrot bekleckert haben. Die übrigen Personen sind überwiegend mit ihren eigenen Interessen beschäftigt: Sperling will sich "malen lassen", um Sabine in Form eines Amuletts nahe zu sein, die anderen wollen den Schaden, der in der Stadt durch den falschen König und für ihr eigenes Renommée entstanden ist, möglichst gering halten.

Neunte Szene

Sperling und Sabine.
Diese Szene lebt von der Peinlichkeit Sperlings, der sich Sabine zu Füßen wirft, obwohl diese nicht das Geringste von ihm wissen will.

Zehnte Szene

Olmers. Vorige.
Zu Beginn diese recht umfang- und textreichen Szene offenbart Sabine Olmers ihre Liebe, ihre Enttäuschung über die lange Trennung und lässt Sperling in dem Glauben, er sei gemeint. Erst allmählich begreift auch Olmers den verschlüsselten Sinn ihrer Worte. Sabine drängt Olmers, sich ihrem Vater zu erklären, weil sie sonst schon am folgenden Tag mit Sperling verlobt werde.

[1] Niederlassungen